Mein Bulgarien 2004 Kabelwerk Wien

Irgendwo im letzten Eck Europas, gibt es ein Stück Landschaft, welches einen alten und schicksalhaft – durchdrungenen Namen trägt: BULGARIEN!

Kaum jemand weiß, dass Bulgarien die Heimat von Odysseus und Dionysos war, dass es der drittälteste Staat der Welt ist, dass es eine monumentale Geschichte durchlebt hat, dass es wunderschön, trauernd und mystisch ist. Bulgarien wird meistens mit Rumänien verwechselt und die Hauptstadt Bulgariens – Bukarest genannt. Der assoziativ entstandene Beigeschmack des ahnungslosen Betrachters ist ein sauerer. Dieser Beigeschmack wird von der dumpfen Furcht begleitet, dass von „dort unten“, vom Balkan nichts Gutes kommen kann. Die Ahnung bringt ein Bild von grauer Düsternis und staubiger Unterdrückung.  Diese allgemeine Ahnung oder Meinung ist nachvollziehbar, doch nicht berechtigt. Wahr und falsch zugleich. Bulgarien oder der Balkan sind ein großes, unbekanntes Fragezeichen und  fünfundvierzig Jahre kommunistische Diktatur haben viele menschliche Wertigkeiten zunichte gemacht.

Das Stück „Mein Bulgarien, Unser Balkan, Deren Diktatur, Eure Tschuschen“ entstand als eine hundertseitige Erzählung in Prosa. Diese Erzahlung ist eine politische und persönliche Reinemache mit der Diktatur, mit der Defiguration des Balkan- Geistes.

Das aller einfachste auf der Welt ist es, ein Vorurteil zu äußern.

Oder wie Albert Einstein sagte: „ Es ist einfacher, ein Atom zu spalten, denn ein Vorurteil.“

 

Als ich über all die Jahre des Exils im Überschwang meiner Gefühle mich immer wieder ertappt hatte, über Bulgarien zu erzählen, passierte das immer in einer Runde von Menschen,  welche mir durchaus äußerst interessiert zuhörten. Meine kritischen und nicht zuletzt sehr politischen Schilderungen über mein Heimatland erstaunten die Zuhörer. Dieses Staunen, begleitet von einer Portion ehrlicher Neugierde  ließen mich erkennen, wie wenig die Menschen hier etwas über Bulgarien wissen.

Es gab eine Zeit da dachte ich, es sei etwas Schlechtes, von dort unten zu stammen. Etwas niedrigeres, ein Stempel, Ballast, welchen man nicht abwerfen kann.

Abwerfen? Für wen? Dieser Ballast ist in Wirklichkeit ein gut getarnter, schwerer Edelstein, gehüllt in graue Lappen. Erst enthüllt beginnt er zu flimmern, erst  geschliffen wird er unbezahlbar.  

Heute weiß ich, wie beschenkt und begnadet ich bin, dass ich auch ein Stück Balkan sein darf. In den letzten fünfzehn Jahren aber wurde ich erst „ein weißer Mensch“. Ich begann mich in einer geregelten Zivilisation zuhause zu finden, durfte einen „Beruf“ erlernen,  wurde eingebürgert, durfte Rot, Schwarz oder Grün wählen. Blau sind nur meine Augen und der Himmel, wenn kein Grau da ist. Das Grau verschlang Bulgarien. Fünfzig Jahre lang.

Ein Bulgarischer Pass,  ein unaussprechlicher Familienname, Sprach- und Heimatlosigkeit, ein Winseln um ein wenig Anerkennung, ein bisschen Schwarzarbeit, aber eine Menge Visionen- das waren meine Begleiter. Das sind die Begleiter vieler Menschen, welche trotz aller Umstände, die das Leben so mit sich bringt, einen Geburtsschein als Mitgabe bekommen, einen Geburtsschein der zweiten  Kategorie Mensch. Gratulation!

Heute, nach fünfzehn Jahren möchte ich alles Erworbene einsetzten - die deutsche Sprache, das Theaterspiel, die Sprache der Bühne, die Gesetze, welche - Bild, Musik und Geschichte vereinen, um meinem Bulgarien etwas zurückgeben zu können.

Ich möchte auch all den Menschen, welche mir mit Staunen immer wieder zuhörten, in eine andere Wirklichkeit  entführen, eine Wirklichkeit welche existiert hat für andere Menschen, für andere Europäer.

 

... dabei zeigte sich dem, der wiederum geisteswissenschaftlich beobachten konnte,  dass im Osten Europas, ich möchte sagen, unter Flammenzeichen sich durch reine Naturvorgänge etwas von einem neuen Geiste ankündigte. Dass  unter dem schmachvollsten äußerlichen Joche im Osten Europas sich eine künftige Zeit in den Gemütern-selbst der stumpfen Bewohner dieses Ostens von Europa entwickelte.

Merkwürdig, wie seit dem 9. Jahrhundert von dem übrigen Europa doch wie zurückgeschoben worden ist nach dem Osten dasjenige, was bleiben sollte, was nicht angefressen werden sollte von dem Westen, wie es dann in der äußeren Form des so genannten Russischen Reiches in den verschiedenen Jahrhunderten auftritt! Innerlich merkwürdig das Alte bewahrend und in der Hülle des Alten wie in einer Puppenhülle ein neues vorbereitend für eine spätere Kultur!

Mysterienkulte, möchte man sagen, haben sich noch erhalten innerhalb des russischen und bulgarischen Volkes, mit Mysterienvorstellungen leben diese Völker, welche wenig verstanden haben von den abstrakten religiösen Begriffen des Westens.

In der eigenen Seele  fühlt im Osten der Mensch dasjenige, wovon der westliche Religionsherrscher den Namen trägt: „Pontifex“, das heißt Brückenmacher, Brückenmachen zum Geistigen hinüber. Aber im Osten,  da bewahrte man sich von dem Alten noch so viel als nötig war, um unberührt von dem Neuen, dem neuem Materialistischen, die Brücke wenigstens sich freizuhalten ins Geistige.

UND JETZT nehmen Sie mit diesem zusammen die heutigen Zeichen der Zeit! Man möchte sagen:

DIE ALLERBITTESTE IRONIE DER MENSCHLICHEN ENTWICKLUNG IST GERADE ÜBER DEN OSTEN VON EUROPA AUSGEGOSSEN!!!

DIE BITTERSTE IRONIE!!!

DIE KARIKATUR JEDES HÖHERE MENSCHENSTREBENS, DIE IM LENINISMUS, IM TROTSKISMUS ALS LETZTE KARIKATURENHAFTE KONSEQENZ DER REIN MATERIALISTISCHEN SOZIALISTISCHEN IDEE SICH GELTEND GEMACHT HAT, IST WIE EIN KLEID, DAS NICHT ZUM LEIBE PASST, ÜBERGEZOGEN DEN MENSCHEN DES OSTENS!!!

 

Rudolf Steiner am 30.04.1918

 

...Wenn man dieser besonderen Schublade – Tschusch, die Form eines Kleides verleihen würde, so möchte ich nur den Entwurf, die Stoffzusammensetzung, ihre Faser und Farben ergründen und nicht die Reaktionen, die das Kleid als solches weckt. Ähnlich wie  der Grund, die Ursache  einer Krankheit als Hauptpunkt und nicht ihre  Symptome, ihre Auswirkung.

Wieso passiert es mir, dass ich der Tatsache, eine Bulgarin zu sein zuerst die Form eines Kleides verleihe, um dieses sofort in eine Krankheit zu verwandeln?! Und nicht in ein barockes Bild zum Beispiel?!

Ich merke, es geht doch nicht um den Entwurf, den Stoff oder die Farbe des Kleides, denn egal ob Polyester oder Seide, grau oder rosa - jedes Kleid war mal neu und sauber. Auch ein graues  Polyesterkleid kann hübsch aussehen, wenn es gut riecht, richtig getragen und gepflegt wird!

Wie kann dann ein Kleid mit einer Krankheit verglichen werden? In dem es in einer Fabrik produziert wird, die voller Seuchen und Bakterien ist?! Es liegt dann nicht am Kleid selbst, sondern an der Fabrik, in der das Kleid entstanden ist. Also ist dieses Kleid für den Rest der Welt - ein verseuchtes. Und wenn das “verseuchte” Kleid, durch ein Wunder doch unverseucht geblieben sein könnte, würde jeder lieber ein “sauberes” - woanders fabriziertes Kleid bevorzugen, bevor er seine Haut von Bakterien bewohnen lassen würde.

Auch verständlich!

Ich will wissen, wodurch diese Seuche entstanden ist, inwieweit das Kleid von ihr betroffen ist, ob es ein Gegengift gegen sie gibt, ob sie heilbar ist...

ob sie gar eine Seuche ist!

(Oder eher ein akuter Schnupfen)

Nina Gabriel

Auszug aus dem Prosatext Südburg nach Oberwart, oder ich Glumpo – gatsch!“

 

 

 

NOCH NIE SIND GRÖSSERE GEGENSÄTZE ZUSAMMENGESTOSSEN ALS DIE SEELE DES EUROPÄISCHEN OSTENS UND DER WIDERMENSCHLICHE TROTSKISMUS ODER LENINISMUS.

Das ist nicht aus irgendeiner Sympathie oder Antipathie heraus gesprochen, das ist aus der Erkenntnis heraus gesprochen, die uns zeigen soll, WAS FURCHTBAR SICH BRAUT IM EUROPÄISCHEN OSTEN DURCH DIE ZUSAMMENFÜGUNG DER GRÖSSTEN GEGENSÄTZE, DIE JEMALS ZUSAMMENGEKOMMEN SIND!

 

Rudolf Steiner am 30.04.1918

Fotogalerie: Mein Bulgarien 2004 Kabelwerk Wien

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